Wie war die Schule damals für die Kinder? Ein Zeitzeuge berichtet!

HEINRICH BADER:  LEBENDIGE ERINNERUNGEN

 

Im Juni 1992 kam Heinrich Bader, zu der Zeit der älteste noch lebende ehemalige Kocherstettener Schüler, zu den Viertklässlern und ihrer Lehrerin Angelika Di Girolamo in die Schule und erzählte ihnen seine noch sehr lebendigen Erinnerungen an seine Schulzeit in Kocherstetten (1905-1912).

 

Ich war damals bei der Einschulung des kleinen Heinrich noch ein ganz junges Schulhaus von gerade mal zwölf Jahren!

 

Hier kannst du einige Begebenheiten nachlesen, an die sich Heinrich Bader noch fast 90 Jahre später, im Alter von 93 Jahren, ganz genau erinnern konnte. Klar, dass die Kinder fast mit angehaltenem Atem zugehört haben! Sie haben das Gehörte dann mit eigenen Worten nacherzählt.

 

Droowe bleibe!

Als der Vater von Herrn Spreng Hochzeit hatte, hat der Lehrer Wagner Orgel spielen müssen. Solange musste ich aufpassen. Der Lehrer hat etwas zum Schreiben aufgegeben. Ich sollte jeden an die Wandtafel schreiben, der geschwätzt hat und ungezogen war - die hätten dann ihre Schläge gekriegt. Als der Schullehrer einige Zeit fortgewesen ist, bin ich nicht mehr Herr geworden, da ist die Disziplin eben nicht mehr dagewesen. Ich habe dann ein paar aufgeschrieben, aber sie haben zu mir gesagt: "Wenn du's nicht auswischst, schlagen wir dir den Ranzen voll!" Was hab ich machen wollen, da hab ich's eben ausgewischt.

Ein andermal musste ich wieder aufpassen. Da ist an jeder Säule einer hochgeklettert, wer zuerst oben ist. Auf einmal kam der Lehrer rein - unverhofft, ungerufen - und sah die beiden Buben. Da rief er: "Droowe bleibe! Droowe bleibe!" Er hat den Stecken geholt und jedem ein paar hinten rübergehauen, und dann haben sie runtergedurft.

 

Die Lehmgrube

Drüben, wo jetzt das Gemeindehaus steht, war früher eine Lehmgrube. In Weilersbach war früher eine Ziegelei - der Vater von unserem Ortsvorsteher Heller hat noch Ziegel gebrannt. Wenn es geregnet hat, ist der Lehm zu Matsch geworden. Die Schüler spielten in der Pause in der Lehmgrube. Oft bekamen sie dabei ganz schmutzige Schuhe. Vor dem Schulhaus war ein Schuhabkratzer. Wenn die Schuhe nicht sauber wurden, schickte der Lehrer die Schüler an den Bach. Dort mussten sie die Schuhe abwaschen. Einmal ist es passiert, dass ein Junge nicht mehr zurückgekommen ist. Denn er wusste, dass in der Schule ein Diktat geschrieben wurde und davor fürchtete er sich.

Der Stecken als Gedächtnisstütze

Bei uns mussten wir immer Sprüche und Lieder auswendig lernen. Einmal mussten wir alle "Nun danket alle Gott" lernen. Wir mussten es der Reihe nach in der Schule aufsagen. Einer musste den vierten Vers sagen: "Lob, Ehr und Preis sei Gott", doch dann blieb er stecken. Lehrer Wagner holte den Stock und rief: "Auf die Bank!"

Als der Lehrer den Stecken in der Hand hatte, fiel es dem Schüler wieder ein und er sagte: "...und isst und trinkt und bleiben wird, jetzt und immerdar." (statt: ... und ist und bleiben wird jetzt und immerdar.) Wir haben alle miteinander gleich rausgelacht und der Lehrer - ich seh ihn noch heute! - der hat dann keine Schläge ausgeteilt, der hat auch gegrinst!

 

Der vergessene Nachsitzer

Einmal hat einer zur Strafe in der Schule bleiben müssen. Der Lehrer hat ihn eingeschlossen und ist mit seinem Besuch spazieren gegangen. Dem Bub hat es zu lange gedauert und weil er Hunger hatte, machte er das Fenster auf, kletterte die Laube hinunter und lief davon. Als der Bub am anderen Morgen dann in die Schule kam, war der Lehrer froh, dass er selber hinausgekommen war.

 

Der Hund Spitz

Lehrer Wagner hatte einen langen Bart und einen Hund, der hieß Spitz. Wenn der Lehrer abends durch den Ort gelaufen ist, ist der Hund Spitz vorausgesprungen. Dann wussten wir, dass wir nach Hause gehen mussten. Denn wenn es Nacht war, durften wir nicht mehr auf der Straße sein, obwohl keine Autos gekommen sind. Wenn wir noch draußen waren, hat der Lehrer dafür gesorgt, dass wir heimgegangen sind.

 

Eine halbe Stunde Freiheit

Wir hatten von 8 bis 12 Uhr Schule. Dazwischen gab's eine halbe Stunde Pause. Da haben wir rausspringen dürfen und unsere Freiheit gehabt in der halben Stunde. Noch früher haben sie eine Stunde gehabt und da sind sie immer zu weit raus. Einmal ist einer vom Felsen runtergefallen und musste verbunden werden. Von da an hat's nur noch eine halbe Stunde gegeben. Einen Schulhof gab es nicht. Tummelplatz waren die Lehmgrube und die Keltergasse.

 

Der Schulausflug nach Waldenburg

Wir sind von Kocherstetten nach Haag rausgelaufen, weil es von Haag nach Waldenburg ein paar Pfennige billiger war als von Künzelsau. Als wir dann am Waldenburger Bahnhof waren, kam ein großes Gewitter. Dort warteten wir dann zwei Stunden, bis es sich ausgeregnet hatte. Anschließend liefen wir nach Waldenburg hoch. Heimzu's sind wir mit dem Zug von Waldenburg nach Künzelsau gefahren. Dort hat uns dann der Vater von Wilhelm Bauer aus Vogelsberg mit dem Leiterwagen abgeholt.

 

Heuferien

Die Heuferien waren bei uns da, wo Heu gemacht wurde. Die Ferien wurden so ausgegeben, wie man in der Landwirtschaft arbeiten musste. Wir waren drei Geschwister in der Schule und da ist mein Vater, wenn wir das Heu verschütteln (wenden) mussten, bloß in die Schule gekommen und hat uns geholt. Wir haben alle drei unser Sach gut gekonnt, und da hat es keine Schwierigkeiten gegeben. Der Lehrer Wagner hat nur gesagt: "Ihr Neubauern, geht raus und schüttelt euer Heu!"

Gedicht von Heinrich Bader,

geschrieben 1954,

veröffentlicht im Buch
Dorfgeschichten
1913-1992

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