Erinnerungen von Gerhard Werner

bearbeitet von Angelika Di Girolamo

Gerhard Werner

 

Geboren: November 1932
Einschulungsjahr: 1939
Wohnort in der Schulzeit: Mäusdorf

Erinnerungen an meine Schulzeit und Kindheit in den Kriegsjahren 1939 – 1945 und bis 1947

 

Gerhard Werner, ältestes von sieben Kindern der Bauernfamilie Christian und Frieda Werner, ist im November 1932 geboren und wurde am 1. September 1939 eingeschult. Er hat 2004 im Alter von 73 Jahren erstmals seine Erinnerungen an die Jahre vor und während des Zweiten Weltkrieges niedergeschrieben.
Hier ein Versuch von Angelika Di Girolamo, die 14- seitige Fassung (aus dem Nachtrag zur Festschrift zu 700 Jahre Mäusdorf) in eine Kurzform zu verwandeln, die auch für Grundschüler gut lesbar ist, ohne den Charakter des Rückblickes zu stark zu verändern.

 

Einschulung und Abschied vom Vater

 

Meine Einschulung war am 1. September 1939, genau an dem Tag, als der Krieg begann.

Unser Vater Christian Werner, damals 34 Jahre alt, musste 1939 noch nicht zur Wehrmacht, sondern es wurden zuerst die unter 30-Jährigen eingezogen. Doch nur ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn, mit dem Überfall auf Polen am 1.Sept. 1939, bekamen im Frühjahr 1940 in Mäusdorf auch schon die über 30-jährigen den Stellungsbefehl zur Deutschen Wehrmacht.

 

Ich erinnere mich sehr gut an diese Szene: Unsere Mutter Frieda hatte den knapp ein Jahr alten Bruder Helmut auf dem Arm und mein Großvater Gottlieb Dosch hielt unsere Schwestern Maria und Martha an den Händen, als unser Vater mit seinem Holzkoffer am Postbus-Halteplatz gegenüber dem Krämerladen Baudermann auf den Postbus nach Künzelsau wartete. Dann der Abschied des Vaters in den Krieg, von Ehefrau, den Kindern, seinen Schwiegereltern, von Haus und Hof, seinem Vieh, vom Dorf und den Nachbarn – Abschied in eine höchst ungewisse Zukunft. Ich verstand mit meinen 7 Jahren sicherlich von allem noch nichts.

 

Die ersten Schuljahre

In meinen beiden ersten Schuljahren in Kocherstetten bei Lehrer Teuscher lernten wir noch in Deutscher Schrift und waren geprägt von den Tatzenschlägen wegen der schlechten Handschrift auf der Schiefertafel. „Handschrift mangelhaft“– stand im Zeugnis, eine Fünf!
 Meine Schwester Maria war im ersten Schuljahr schon viel besser und rief für mich Ärger hervor, wenn sie sagte: „D’r Gerhard schreibt mangelhaft und krampfhaft heibt’r dazu de Griffel!“

 

Der Schulweg Mäusdorf - Kocherstetten war 3 km lang, sechs Tage in der Woche zu Fuß. Auf dem Rücken hatten wir den Schulranzen, Kriegsware aus braun lackierter Hartpappe mit ledernen Trägerriemen. Darin die Schiefertafel und hölzerne Griffelschachtel mit Schiebedeckel. Wir konnten den Ranzen im Winter auch als Schlitten benutzen und rutschten damit einen Steilhang hinab, wobei die Schiefertafel einmal zerbrach. Dafür gab es in der Schule eine Strafarbeit und zuhause von der Mutter erst einmal Hiebe. Wenn man dann das Geld hatte für eine Postbusfahrt nach Künzelsau, konnte man dort eine neue Tafel kaufen.

 

Am Rahmen der Schiefertafel war mit einer Kordel aus Wollfäden der Löscher festgebunden, ein mit Stoff ummantelter Schwamm, der morgens vor dem Gang zur Schule nass gemacht wurde zum Auswischen von Schreibfehlern. Dieser Schwamm hing aus dem Schulranzen heraus und wurde oft auch schmutzig, wenn es auf dem Schulweg Streit gab und der Ranzen zum Kampf weggeworfen wurde.

 

Der Schulweg im schneereichen Winter 1941/42 ist mir noch heute lebhaft im Gedächtnis. Der Vater meines Schulkameraden Hans Sachs, Johann Sachs, musste für die Räumung des Schulweges drei dampfende Pferde vor den Bahnschlitten spannen. Auf der vorderen Bank saß der Kutscher und auf der hinteren Sitzfläche, als Gewicht, die Schüler. So kamen wir wenigstens halbwegs trocken zur Schule, aber mittags auf dem Heimweg?

 

Das Lesebuch und das Schönschreibheft, lange Zeit das einzige Heft, waren am Rande auch einmal nass geworden, sodass die Tintenschrift vom Federhalter (nicht vom Füller oder Kugelschreiber) am Rande verfloss. Obendrein gab es von der Mutter eine Tracht Prügel als „Lohn für die Sauerei“.

Schneereicher Winter und große Trauer

Der Winter 1942/43 war noch schneereicher und die Postbusstrecke von Mäusdorf in Richtung Künzelsau wurden durch Schneeverwehungen unpassierbar. Dann mussten alle, vom Kind bis zum Greis - viele Männer waren ja im Krieg -  Schnee räumen, damit die Verkehrswege wieder frei wurden.

 

Ein Hohlweg wurde nun in stundenlanger Arbeit von Hand frei geschaufelt durch den zwei Meter hohen, harten Schnee, gerade mal so breit wie der Postbus, der dann am Abend weiter fuhr nach Künzelsau. Heinz Grund war damals der einzige Mäusdorfer Oberschüler, der ihn benutzte. Er ist 1944 in Warschau gefallen. Alle anderen Schüler zu meiner Schulzeit gingen in die zweiklassige Volksschule nach Kocherstetten.

 

Große Trauer herrschte im Jahr 1943, als mein nur ein Jahr jüngerer Schulkamerad Paul Löchner im Alter von 10 Jahren während des Getreidedreschens im Winter aus der Scheune sprang und vom einzigen damals verkehrenden Lastwagen (außer dem Postbus und dem Molkereiauto) tödlich verletzt worden ist. Meine Schulkameradin Lina Bauer und ich durften ihn im Sarg zu Grabe tragen.


Kinderaufgabe: Milchtransport zur Molkerei

Täglich, am Sonntag- wie an Werktagsmorgen mussten wir Kinder die zwei oder drei Milchkannen mit 15 oder 20 l Inhalt mit dem vierrädrigen Handwagen zur Molkerei bringen und dieselbe Menge Magermilch für die Schweine wieder mit nach Hause nehmen. Es gab auf Buttermarken auch Butter und Backsteinkäse (Limpurger, anderen gab es nicht) in der Molkerei, dann und wann auch einmal ein „Bombole“ von Frau Grund für die Kinder ihrer Freundin Frieda.

 

Kriegsgefangene aus Frankreich und Polen in Mäusdorf

Arbeitskräfte für die Landwirtschaft, Ersatz für Väter, Bauern und auch Knechte, die in den Krieg einberufen worden sind, waren vor allem Kriegsgefangene aus Polen und Frankreich. Auch Mäusdorf hatte nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Frankreich französische Kriegsgefangene im Ort, untergebracht im Gasthaus Adler, im Tanzsaal neben der Gaststätte, nachts eingeschlossen und bewacht von einem deutschen Soldaten.

Jeden Morgen mussten wir unseren sogenannten Knecht dort abholen und abends wieder zurückbringen. Großvater Dosch war schwer gehbehindert, so musste meine Mutter anfangs diese Aufgabe übernehmen, bis auch ich – noch keine zehn Jahre alt – dazu die Erlaubnis bekam. Für mich und meine Geschwister Maria, Martha und Helmut gab es ab und zu vom Gefangenen Kekse oder Blockschokolade, die er dann und wann über amerikanische Care-Pakete bekam.

Ich erinnere mich an unseren französischen Kriegsgefangenen als einen sehr ordentlichen Mann, der sich auch mit meinem Großvater gut verstand. Es muss ihm in meinem Elternhaus so gut gegangen sein, dass er zum Kriegsende versprach, ein Fass Wein aus seiner Heimat nach Mäusdorf zu rollen.

Er konnte ausgezeichnet mit der Sense mähen, was für das tägliche Futterholen im Frühjahr, Sommer und Herbst wichtig war. Alles Grünfutter, ob Gras oder Klee, musste mit der Futterschneidemaschine gehäckselt werden zusammen mit Stroh, damit das Vieh keinen Durchfall bekam. Morgens und abends mit dem Blecheimer jedes Stück Vieh tränken und mit dem Mistkarren den Mist auf die Miste bringen – ein für die heutige Zeit kaum vorstellbarer Arbeitsaufwand!


Heu- und Getreideernte mit Pferd und Kuh, Sense und Sichel

In der Heuernte erledigte mein Großvater zu Beginn des Krieges das Mähen des Grases mit Jenters Pferd und einer eigenen Kuh, die vor Jenters Mähmaschine gespannt wurden. Später ist dann auch Johann Sachs oder Johann Schurg mit dem Pferdegespann eingesprungen. Die Getreideernte war besonders mühevoll.


Großvater Dosch und der kriegsgefangene Franzose haben mit der Habersense angemäht. Die Frucht wurde ca. einen Meter breit abgemäht und an das stehende Getreide angelehnt. Mutter Frieda und Großmutter Dosch haben diese Mahden mit der Sichel aufgenommen und in Garbengröße auf Roggenstroh-Garbenbänder abgelegt.


Gegen Ende des Tages mussten die Männer die Garben zubinden und die Frauen und Kinder besorgten das Aufstellen zu Heinzen, vier bis sechs Garben. Nach einigen Tagen, wenn alles trocken war, wurde das Getreide mit einem Kuhgespann vor dem Leiterwagen eingefahren. Wurden die Garben durch Regen nass, konnte das Einbringen der Ernte nicht nur Tage, sondern auch Wochen dauern.

 

Garben einfahren in die Scheune, abladen nach oben in den Barn, zur Winterzeit vor Weihnachten dreschen mit der Dreschmaschine, eine staubige, harte Arbeit, Strohbergung und Getreidelagerung während des Winters meist im Dachboden des Hauses, schwere Säcke auf dem Rücken zwei oder drei Stockwerke hochtragen – das gehört schon seit vielen Jahrzehnten der Vergangenheit an.

Verdunkelungsgesetz, Volksempfänger und Heilbronn in Flammen

Ein Gesetz zur Verdunkelung war zu befolgen: sämtliche Räume, die Fenster hatten, mussten Vorhänge aus schwarzem Verdunkelungsstoff erhalten, die vor dem Anschalten des Lichts angebracht sein mussten. Eine Luftschutzkommission aus Parteitreuen prüfte und bestrafte Verstöße mit Geldbußen.

Rundfunkempfang von Sendern außer dem Parteisender war verboten. Es gab nur wenige Apparate im Ort. Grafenbauers hatten einen schwarzen Volksempfänger ohne Sendernamen, nur eine Nummernscheibe. Wer nicht der NS-Partei hörig war, galt als Feind des Regimes. Überall an öffentlichen Gebäuden Aufkleber mit der Aufschrift: Feind hört mit!

 

Als am 4. Dez.1944 Heilbronn brannte, sahen wir von Mäusdorf aus zwei Tage lang die Stadt in hellen Flammen stehen und die US-Bomber über uns hinweg fliegen.

 

Unser polnischer Kriegsgefangener, Tränen und ein Schutzengel

Bereits 1944 wurden die gut eingearbeiteten französischen Kriegsgefangenen aus der Landwirtschaft abgezogen, in die Rüstungsindustrie geschickt und teilweise durch Polen ersetzt. Auch wir hatten mit Schumachers zusammen einen Polen.

 

Im Winter 1944/45 hatte durch Vermittlung von Bürgermeister Häffner unsere Familie, die mit 5 Kindern als kinderreich eingestuft worden war, ein Flächenlos im Tierberger Wald zugeteilt bekommen. 

Unser polnischer Kriegsgefangener hatte zum Frühjahr hin dieses Los aufgearbeitet und Großvater Dosch angekündigt, dass er jetzt, wo das Kriegsende absehbar war, heimlich untertauchen und in Richtung Heimat verschwinden werde.

Ganz überraschend, es muss im März 1945 gewesen sein, fasste Großvater den Entschluss: Das Brennholz kann nur heimgeholt werden, wenn der Pole es noch auflädt. Der wollte den Zeitpunkt nutzen, von dort aus im Wald zu verschwinden. Offensichtlich blieb er nur wegen Großvaters schwerem Beinleiden so lange bei unserer Familie.

Unsere Mutter hatte neben dem Haushalt den erst 9 Monate alten Bruder Hermann zu versorgen, morgens und abends Stallarbeiten wie das Melken, Tränken des Viehs, die Versorgung der Schweine, wozu auch das Herauslassen des Ebers zum Decken gehörte.

 

Als ich damals von der Schule nach Hause kam, wurden die Kühe zum Heimholen des Holzes aus dem Tierberger Wald eingespannt: Zwei Kuhgespanne an den auseinander ziehbaren Wagen, ohne Seitenbretter, ohne Bodenbretter, nur Kipfbock und hintere Kipfen.

Großvater saß auf zusammen gelegten Kuhdecken auf den Deichselarmen des einen Gespanns und fuhr voraus, und ich, der 12-jährige Gerhard, lenkte das zweite Gespann in den Tierberger Wald.

Unser Pole war auf einem alten Fahrrad schon vorausgefahren, um uns den Platz des Stangenloses zu zeigen. Ich weiß noch, wie schwer und mühevoll das Aufladen war. Totenstille herrschte im Wald und auf der Straße, niemand war unterwegs. Nur in weiter Ferne aus Richtung Schwäbisch Hall hörte man Artilleriefeuer, vielleicht von der Schwäbischen Alb.

Unser Pole meinte: „Heimfahren erst wenn Nacht“. Unbeirrt fuhren wir aber noch bei Tag zurück. Er verabschiedete sich, dabei flossen Tränen auf allen drei Seiten.

 

Auf unserer Heimfahrt musste ich nach vorne laufen, um an Großvaters Gespann die „Micke“ zu betätigen, wenn es bergab ging und sie am Ende der Gefällstrecke wieder zu öffnen. Und dasselbe am hinteren Gespann!

Auf ebener, freier Strecke, von Tierberg her, dort, bevor in Richtung Lassbach wieder der Wald beginnt, tauchten am Himmel drei Flugzeuge auf, auf uns zufliegend, die erste Maschine kam im Sturzflug auf uns zu, gefolgt von den beiden anderen im Tiefflug.

Sie dröhnten über uns hinweg, um wieder Höhe zu gewinnen. Ein Entrinnen aus dieser Situation wäre für mich vielleicht noch möglich gewesen, für den Großvater nicht. Noch heute ist mir der Schutzengel nahe, der uns damals in dieser schwierigen Situation behütet hat, noch heute ist dieses Erlebnis unvergesslich.

Denn Großvater sorgte ja für die Familie und für die fünf Enkelkinder und auch für eine warme Stube.

 

 

‚Kriegswichtige Arbeiten‘, Feldarbeit und Hosenspannes

Ungute Erinnerungen habe ich an die Zeit, als Schulleiter Carl Pfeiffer Soldatendienst in hohem Rang leistete und sehr oft im Urlaub zuhause war. Seine Frau war eine Zeitlang in der Unterklasse unsere Lehrerin. Pfeiffer beobachtete mit dem Fernstecher unseren Schulweg, sah, wenn wir auf dem Schulranzen den Berg herunterrutschten oder gar ein paar Äpfel gegen unseren Durst stahlen. Strafen durch „Hosenspannes“ waren dann bei ihm an der Tagesordnung, wenn er auf Urlaub war.

 

Die Volksschule war geteilt in Ober-und Unterklasse, die Oberschule war in Künzelsau, die Schulgeld und zusätzlich Fahrtkosten im Monat gekostet hätte. Nur die Kinder reicher Eltern konnten dorthin gehen.

Schon ab 1943 wurden wir Schüler – ich war damals 11 Jahre alt – zu „kriegswichtigen“ Arbeiten herangezogen. Schüleraufgaben der Oberklasse waren: Heilkräuter sammeln, wie Brombeerblätter an Schnüren im Dachraum des Schulhauses aufhängen, Spitzwegerich pflücken, Kamillenblüten auf den Schloss Stettener Äckern zupfen und zum Trocknen auf Packpapier in der Schulbühne auslegen, auf den Kartoffelfeldern in Kocherstetten und auch auf den Höhen von Kügelhof, Mäusdorf und Vogelsberg Reihe für Reihe ablaufen und Kartoffelkäfer und Larven in Blechdosen einsammeln. Es wurde uns erklärt, dass der Feind von Flugzeugen aus derlei Ungeziefer abwerfe, um die deutsche Wirtschaft zu schädigen.

 

Lernen stand erst an zweiter Stelle. Aber auch zuhause wurde man dringend gebraucht zum Kartoffelstecken, Kartoffeln hacken, Futterrübensetzlinge pflanzen, bei der Heu- und Getreideernte helfen und wieder im Herbst beim Einbringen der Früchte. 

 

Während der Schulzeit Ende 1944/Anfang 1945 bis zum Kriegsende hatten wir für vier Jahrgänge in der Oberklasse nur einen Lehrer namens Karl Gutöhrlein, der die 80 Schüler in zwei Räumen unterrichtete. Wir sangen in der Buchenmühle zu einem großen Geburtstag des Ehrenbürgers Uebele auf dessen Wunsch einen vierstimmigen Chor: “Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre...“ Beim Einüben im Schulsaal nahm er, wenn wir nicht aufgepasst hatten, den Tatzenstock, einen Haselnussstecken, und schlug ihn so auf den schwarzen Klavierflügel, dass der Stock sich der Länge nach aufspaltete und auch manchmal auf die Köpfe der Schüler niedersauste, um sie aufmerksam zu halten. 

 

Die Zeit während des Zusammenbruchs am Kriegsende im April 1945 verging ohne Schulunterricht; wir bekamen dann für die 7. und 8. Klasse einen sehr guten Lehrer – Rudolf Haas. In den letzten beiden Schuljahren bis April 1947 haben wir ungewöhnlich viel gelernt und nachgeholt.

Die anlässlich eines Hausbesuches vorgetragene Empfehlung, mich auf eine weiterführende Schule zu schicken, wurde von Vater und Mutter aus Kostengründen abgelehnt. 200 Reichsmark Schulgeld pro Monat und tägliche Busfahrten nach Künzelsau konnten sie auf dem immer noch sehr kleinen Höfle mit sieben Hektar Eigenfläche und nun mit sieben Kindern nicht aufbringen. „D’r Bua muaß a Handwerk lerne, damit er se selwer sei Esse verdient!“

 


Kriegsende, Schokolade und gefährliche Spiele

Am Nachmittag des 9. April 1945, kurz bevor die amerikanischen Streitkräfte einrückten, wagten sich viele gar nicht mehr außer Haus.

 

Als die Amerikaner von Laßbach her mit ihren Panzern einrückten, war auch Heinrich Burkert bei uns im großen Rübenkeller. Er und andere Neugierige wie auch ich gingen trotz des bestehenden Verbots hinaus und beobachteten, wie die amerikanischen Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr die Hühnerställe nach Eiern durchsuchten und wir dabei Schokolade und Kekse ergattern konnten.

 

Für uns Buben brachte der Einmarsch der Amerikaner nicht nur Schokolade, sondern auch Gefahren. Munition aller Art lag herum.

 

Oberhalb vom Stäffele in der Bergwiese waren Hans Sachs, Walter Grund, Kurt Wagner (damals wohnhaft beim Schmied Erb) und ich beim Ausräumen eines Schützenloches auf verschiedene Formen von Handgranaten gestoßen. Für uns neugierige Buben eine Versuchung: Einer hielt die Stielhandgranate in der Hand, ein anderer zog den Abzugsdraht heraus und die Granate begann aus dem Stiel heraus zu zischen. In letzter Sekunde warf einer von uns die Granate über die Böschung hinab auf die Straße direkt beim Stäffele, bevor sie mit einer Explosion und einer Stichflamme ein Loch von einem halben Meter Durchmesser in die Straße riss und uns Steine um die Ohren flogen. Nichts wie auf und davon, heim und sich verstecken! Patrouillen der amerikanischen Militärpolizei gingen jeder Detonation nach, davor hatten wir große Angst. Erst hernach wurde uns bewusst, welche tragischen Folgen solche Experimente hätten haben können.

Die Rückkehr des Vaters

Als mein Vater Christian im Juni 1945 von einem dunkelhäutigen US-Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft auf den Rheinwiesen von Remagen nach Hause gebracht worden war und nach einiger Zeit Pulverspuren und von mir versteckte Granaten fand, hat er mir deutlich und spürbar erklärt, wie solche Zündungen ablaufen und unmissverständlich klargemacht, was aus solchen Spielereien hätte werden können. Wenn meine Schulkameraden bei mir waren und der Vater dazukam, machten sie einen Bogen um ihn.

Unser Vater war durch die Kriegserlebnisse traumatisiert und musste, wie alle Heimkehrer alleine mit dem Erlebten zurechtkommen.


Ins Krankenhaus statt zur Konfirmation

Im April 1947, gerade acht Tage vor meiner Konfirmation, als Mutter und Großmutter bereits das Fest bereits mit Backen von Weißbrot (nicht Kuchen!) und mit dem Hausputz usw.  begannen, klagte der Konfirmand über Bauchschmerzen. Auch Schnapstrinken half nichts, bis am Sonntagmorgen, eine Woche vor der Konfirmation, Dr. Fraas aus Künzelsau gerufen werden musste. Er stellte 40 Grad Fieber fest, einen harten Bauch und nahm mich sogleich mit seinem schwarzen Opel P 4 mit ins Krankenhaus. Dort entfernte er noch am Vormittag meinen völlig vereiterten Blinddarm.

 

Die Einladungen zur Konfirmation wurden rückgängig gemacht und auf unbestimmte Zeit verschoben. Drei Wochen nach dem eigentlichen Konfirmationstag stand ich dann alleine, schwach und elend zu meiner Konfirmation am Altar in der Kocherstettener Marienkirche.


Meine Lehrzeit in Ingelfingen
Am 1.Juli 1947 begann ich meine Lehre bei Friedrich Hornung in Ingelfingen, Wagner, Stellmacher und Holzbieger, ein sehr guter Handwerker und respektabler Lehrmeister. Ich habe beste Erinnerungen an meine Lehrzeit vom 1.Juli 1947 – 1.Juli 1950. Den Weg von Mäusdorf nach Ingelfingen und wieder nach Hause legte ich damals bei jedem Wetter mühsam auf einem Fahrrad zurück.

 

 

Nachtrag von 2010:

Leider verstarb mein Großvater 1946 an den Folgen des damals unheilbaren Altersdiabetes.

Von meinen ehemaligen Schulkameraden aus Mäusdorf lebt nun, im Jahre 2010 niemand mehr.

Ich musste meine Erinnerungen aus Platzgründen kurz fassen. Viele Details sind mir auch nach sechs und mehr Jahrzehnten entfallen. Der geneigte Leser wird das verstehen.

 

                                                                                                                                           Gerhard Werner, 2004/2010

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