Radelrutsch, Henkeltopf und Nagelschuhe: Erinnerungen an die Schulzeit  

Interview mit Dr. Wolfgang von Stetten vom 21. Juli 2020

Interviewerin: Angelika Di Girolamo

Ausschnitt Schulfoto 1948.jpg

Dr. Wolfgang von Stetten

Geburtsjahr: 1941

Einschulungsjahr: 1947

Wohnort: Schloss Stetten

Schulzeit: 1947- 1950, von Klasse 1 bis 4  (3. Klasse übersprungen)

(Ausschnitt aus einem Schulfoto von Juli 1948) Wolfgang von Stetten  2.v.l.

1. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit in Kocherstetten?

 Es war eine fröhliche, gute Schulzeit.

 

 2. Woran denken Sie gern zurück, woran nicht so gern?

An die langen Pausen, solange Frau Pfeiffer aushilfsweise Unterricht und gleichzeitig den Haushalt machte.

 

3.  Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Schultag? 

Nein

 

4.  Wie war der Schulweg … und warum sind Sie barfuß gelaufen?

Der Schulweg von Schloss Stetten nach Kocherstetten ging bergrunter. Oft im Wettkampf beim Rennen, dauerte er nur wenige Minuten. Im Gegensatz dazu war zumindest im Sommer der Aufstieg sehr anstrengend und dauerte lang. Oft hatten wir den Brotlaib, den wir vom Bäcker Haas mitnahmen, schon innen ausgehöhlt.

Nach dem Krieg wurde die Sohle der Schuhe mit Nägeln bestückt, damit sie länger halten. Diese Schuhe waren schwer und unbequem und oft schmerzhaft wenn ein Nagel durchstach. Da bin ich – mindestens im Sommer – lieber barfuß von Schloss Stetten nach Kocherstetten rauf und runter gelaufen.

 

5.  Wie viele Autos gab es in Ihrem Ort?     

In Schloss Stetten gab es zwei Autos.

6.  Wo fand der Sportunterricht statt?

Sportunterricht fand nicht statt.

 

7.  Hatten Sie viel Zeit zum Spielen? Was für Spiele haben Sie gern gespielt?

     Hatten Sie viel Spielzeug? Welches Spielzeug war Ihnen das liebste?

Wir hatten relativ viel Zeit zum Spielen. Insbesondere für Klettern, Höhlen bauen, Burgen bauen. Wenig Spielzeug. Mein liebstes Spielzeug war ein Radelrutsch mit Eisenrädern.

 

8.   Welche Pflichten hatten Sie in der Familie?

Brav sein – was selten gelang.

9.  Was war in Ihrer Kindheit ganz anders als heute?

Es war strenger als heute. Eine Ohrfeige war mir lieber als Nachsitzen oder Strafarbeit.

10. Welche besonderen Ereignisse oder Bedingungen gab es in Ihrer Schulzeit,

zum Beispiel Nachkriegszeit, Mondlandung?

Am nachhaltigsten erinnere ich mich an die Schulspeisung. Jeder Schüler hatte einen Henkeltopf in den das Essen geschöpft wurde, das man vor Ort verspeiste oder mit nach Hause nahm. Freitag gab es einen doppelten Schlag Nudelsuppe mit Rindfleisch, weil die katholischen Schüler von Hause aus kein Fleisch essen durften.

11. Gibt es noch etwas, woran Sie sich besonders gern oder ungern erinnern?

An eine Episode erinnere ich mich noch sehr gerne. Wir hatten damals Schulranzen die man normalerweise auf dem Rücken trug. Wir benutzen sie aber oft für Reiterkämpfe bzw. Hahnenkämpfe, indem wir sie vor die Brust banden. Bei einem dieser Kämpfe gerieten auch Marta Brust (heute Fricker) und ich aneinander. Marta war damals schon nicht sehr groß, aber stabil und kräftig. Sie rannte auf mich zu und schob mit ihrem Ranzen mir meinen Ranzen mitten ins Gesicht, so dass ich heftiges Nasenbluten bekam. Das natürlich zur Schadenfreude vieler Mitschüler. Marta und ich denken immer mit Lachen daran, wenn wir uns treffen.

12. Sie haben Ihre Kindheit in der Burg Stetten verbracht. War das für Sie etwas Besonderes bzw. war es Ihnen als Kind bewusst, dass es ein besonderer Ort war?

Schloss Stetten war am Ende des Krieges und nach dem Kriege voll mit ausgebombten und später vertriebenen Flüchtlingen. Für meine Mutter mit ihren vier Kindern (alle unter 10 Jahre) war es nicht leicht, ohne meinen gefallenen Vater in der Enge aufzuwachsen. Fünf Personen in zwei Zimmern. Im Winter fror im Schlafzimmer in der Waschschüssel das Wasser ein, wie bei den Flüchtlingen und Vertriebenen, die oft noch enger wohnten. Bei uns Kindern gab es keine Unterschiede, trotzdem war es mir als Kind schon bewusst, dass es etwas Besonderes war: Die Tradition der Familie. Ich wusste schon damals: Schloss Stetten ist meine Lebensaufgabe und das ist es bis heute geblieben.

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